MAI-JUNI 2022



AUSSTELLUNG IN DER STADTGALERIE CHUR


Maybe poetical fiction

Яamiro Estrada

Mai 2022


Artikel der Südostschweiz vom 21. Mai geschrieben von Andrin Schütz


Er vereint Philosophisches und Humor in seinem Schaffen

 

Noch bis zum 28. Mai sind in der Stadtgalerie in Chur Plastiken und Zeichnungen

des Churer Künstlers Ramiro Estrada zu sehen.

 

Den meisten ist das künstlerische Werk von Ramiro Estrada ausschliesslich in Form von Zeichnungen und Malereien bekannt. Dies, obwohl Estrada ursprünglich in den USA Bildhauerei studiert hatte. Nun zeigt der Churer mit mexikanischen Wurzeln im Rahmen einer fulminanten und verblüffenden Gesamtinstallation in der Stadtgalerie zum ersten Mal auch plastische Arbeiten. Diese wiederum präsentieren sich in herausragender Qualität: Die Büsten und Köpfe aus Keramik vermögen mit expressivem Duktus sowie intensiver Farbigkeit zu begeistern und lassen den Betrachter das bildhauerische Können des 1962 in Acapulco geborenen Künstlers sogleich spüren.

 






Erkenntnis auf dem Plattenteller

 

Wobei im Schaffen Estradas Ernsthaftigkeit, philosophische Themen und Humor stets einhergehen. Tritt dem Betrachter in der einen Skulptur der Tod in Form eines in Beton eingelassenen Schädels entgegen, entlockt etwa ein Papagei, der in knalligem Grün aus einem der Köpfe wächst, dem Besucher durchaus ein Lächeln; die «Episteme» (Erkenntnis) wacht hoch oben auf einem zerbrechlichen Stab über das Geschehen in der Galerie, während dem griechischem Philosophen Euripides, der unablässig auf einem Plattenteller dreht, ob des vielen Wissens wohl ein wenig schwindlig werden dürfte.

 


Konzentrierte Prozesse und Humor

 

Dass das Ganze in ebenso schriller wie in frohgemuter und kritischer Haltung gegenüber der Zeitgeschichte daherkommt, ist kaum verwunderlich: «Ich bin ein Freund des Dadaismus», sagt Ramiro Estrada. «Die Strömung des Dadaismus fasziniert mich wegen ihres Widerstandes gegen das Postulat der reinen Schönheit und gegen rigide Ordnungen, die letztlich künstlerisch, gesellschaftlich und auch politisch nicht unproblematisch sind», berichtet der Künstler weiter und fügt an: «Vor allem aber ist für mich auch der Humor im Leben und in der Kunst wichtig. Die Bildhauerei, das Zeichnen und die Malerei sind an sich meditative und konzentrierte künstlerische Prozesse. Das ist auch gut so. Reichert man sie aber zusätzlich mit einer Prise Humor an, machen die Kunst und damit das Leben schlicht mehr Spass».

 





Zeichnerische Trouvaillen: Facebook

 

Meditative und konzentrierte Arbeit manifestiert sich denn auch im ebenso ausgestellten Werkzyklus «Facebook», im welchem sich das grosse zeichnerische Talent Estradas offenbart. In hochwertiges Leinen gebunden, macht der Künstler dem Publikum insgesamt 200 Bücher mit je 200 Zeichnungen zugänglich. Das eine Mal in wildem Gestus und schnellem Aquarellstrich aufgetragen, ein anderes Mal in konzentriertem, ausdrucksstarkem Federstrich realisiert, hält Ramiro Estrada der Welt den zeichnerischen Spiegel vor. Entstanden sind die vielseitigen, unterhaltsamen und dokumentarischen Trouvaillen auf Reisen, an sonnigen Nachmittagen und in langen Nächten zu Hause oder unterwegs. «Das Leben ist voller Zufälle» erzählt Ramiro Estrada. «Und so gibt es auch zahllose zufällige Begegnungen, die man in der Kürze des Augenblicks festhält oder aus der Erinnerung rekonstruiert.» so der Künstler weiter. «Und da vieles in meiner Arbeit aus Zufall und aus unbewusst Wahrgenommenen heraus entsteht, gehört «Facebook» zu meinen Lieblingsprojekten».

 





Ping Pong im Gesamtkunstwerk

 

In jedem Falle ist dieser Tage ein Besuch in der Stadtgalerie mehr als lohnenswert. Denn bildhauerische und zeichnerische Qualität, gedankliche Tiefe und feinsinniger Humor gehen in Ramiro Estradas Gesamtkunstwerk einher. Nach einem intensiven Rundgang durch das künstlerische Universum «Estrada» darf man sich auf eine Partie Ping Pong freuen. Wie und warum? Man möge selbst sehen und sich überraschen lassen….